Die introvertierte Mittagspause

Die introvertierte Mittagspause

Die introvertierte Mittagspause

Ein kleiner Mittagspausen-Survival-Guide

Für viele Menschen, die ein zurückhaltendes und leises Wesen haben, stellt die Mittagspause eine Herausforderung dar.

Um das zu verstehen, muss man sich den Hauptunterschied zwischen introvertierten und extrovertierten Menschen vergegenwärtigen: Der introvertierte Mensch schöpft Kraft aus sich heraus. Er regeneriert durch Ruhe und Alleinsein. Der extrovertierte Mensch liebt Action und Austausch. Er regeneriert im Kontakt mit anderen Menschen.

Die Mittagspause als Kanalisationspunkt verschiedener Bedürfnisse

Im Extremfall prallen mittags zwei Welten aufeinander: Da ist der Extrovertierte, der den Vormittag alleine in seinem Büro an einer Verkaufspräsentation herum gefeilt hat und sich auf eine Mittagspause voller Kontakt und Austausch freut. Damit ist er in seinem Element. Und er tankt nebenbei – sozusagen als Bonus – Energie.

Die Introvertierte hatte ein oder zwei intensive, ausführliche Kundenkontakte oder eine lange Sitzung. Inhaltlich ist sie ihn ihrem Element, doch ihr Interaktions-Akku ist leer. Es dürstet sie nach Ruhe und Alleinsein, das sind ihre Tankstellen.

Es treffen unterschiedliche Regenerationstypen aufeinander.

Gruppenrituale und das Bedürfnis nach Alleinsein, Ruhe und Tiefe

Viele Mittagspausen-Rituale in Firmen entsprechen nicht den Bedürfnissen von introvertierten Menschen: Ganze Teams gehen geschlossen in die Mittagspause, nehmen in lärmigen Kantinen Platz und frönen einer Sache, die Introvertierten oft verhasst ist: dem Smalltalk.

Während der Extrovertierte sich begeistert von Gesprächs-Liane zu Gesprächs-Liane durch den Mittagstisch-Dialog schwingt, würde die Introvertierte, der alleine schon die geräuschvolle Umgebung auf den Keks geht, viel lieber an einer dieser vielen Lianen hängen bleiben und tief in die Diskussion bestimmter Details einsteigen.

Pauschale Ratschläge helfen nicht weiter

Einige Ratgeber für Introvertierte (wie beispielsweise dieser hier) empfehlen ihren stillen Lesern, die Mittagspause grundsätzlich alleine zu verbringen, – um zu regenerieren und um Kraft für die zweite Hälfte des Arbeitstages zu schöpfen.

Die Introvertierten, denen das ohne weitere Abstriche gelingt, sind zu beglückwünschen. Vielleicht können sie den Mittag Zuhause verbringen, sie haben verständnisvolle Arbeitskollegen oder sie pausieren in einem ruhigem Umfeld.

Doch bei vielen Stillarbeitern haben die Götter die Gruppendynamik vor die geliebte & benötigte introvertierte Mittagspause gesetzt. Gruppen reagieren empfindlich, wenn einzelne Mitglieder sich anders verhalten und sich gemeinsamen Ritualen entziehen. Arrogant, überheblich, distanziert, aufgabenorientiert, … all dies sind Ausdrücke, die gegenüber introvertierten Menschen fallen können.

Stille Menschen mit ihrem ausgezeichneten Gespür für Stimmungen merken dies schnell und fühlen sich zur Anpassung genötigt. Denn das Bedürfnis nach Zugehörigkeit ist eines der grössten, wir sind soziale Wesen.

Aber nicht nur das: Pausen sind informelle Quellen wichtiger Informationen und manchmal lässt sich der eine oder andere Sachverhalt besser beim Mittagessen als während einer Sitzung besprechen.

Sich dem Mittagspausen-Ritual pauschal zu entziehen, ist nicht immer ratsam.

Im Fluss des Alltags mitfliessen ….

Wie wäre es, von einer Entweder-oder- zu einer Sowohl-als-auch-Lösung zu kommen? Dies vor dem Hintergrund, dass beide Bedürfnisse, das nach Ruhe/Regeneration wie das nach Zugehörigkeit/Harmonie, derart zentrale Bedürfnisse im menschlichen Dasein sind, dass sie nicht aus der Balance geraten sollten.

Die Vernachlässigung von Bedürfnissen geschieht häufig aus Hilflosigkeit: weil wir glauben, wir müssten uns zwischen Bedürfnissen entscheiden. Das ist nicht so, wenn auch Lösungen, die mehren Bedürfnissen gleichzeitig gerecht werden, mehr Kreativität und Mühe erfordern.

Bedürfnisse haben eine dynamische Komponente, die wir für diesen Zweck nutzen können. Das heisst, dass auch ein introvertierter Mensch mal Tage hat, an dem er sich auf kurzweiligen Austausch freut. Genau so wie ein extrovertierter Mensch sich einmal nach Ruhe sehnt. Zwischen einer trubeligen, vollen Kantine und einer einsamen Pause auf der Parkbank gibt es eine Grauzone, die mit Leben gefüllt werden kann.

1 Transparente Kommunikation

Für mich das A und O. Wenn du die Mittagspause gerne alleine für dich verbringst, dann begründe dein Verhalten. Viele Menschen reagieren auf Transparenz positiv. Ein „Ich brauche Ruhe, um zu regenerieren“ reicht aus. Und es schiebt Gerüchten und Fehlinterpretationen einen Riegel vor. Beispielsweise dass man dich für arrogant hält, weil du dich der Gruppe fern hältst.

Zudem habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich oft nicht die Einzige bin, der die laute Kantine auf die Nerven geht. Vielen Menschen geht ähnlich, nur äussern sie dies nicht laut. In dem Moment, in dem du dich transparent machst, gewinnst du vielleicht Mitmacher und/oder Verständnis für einen der folgenden Vorschläge.

2 Andere Gelegenheiten für den informellen Austausch schaffen
  • Arbeitskollegen zu einer gemeinsamen Frühstückspause ermuntern – zu einem Zeitpunkt, wenn die Kantine leerer ist
  • Mittags einen „Walk & Talk“ mit einer Arbeitskollegin unternehmen (einen Spaziergang zu zweit mit einem Sandwich in der Hand)
  • Spontane Gelegenheiten bewusst zum Gespräch nutzen (Begegnungen auf dem Flur oder im Kopierraum)
3 Die gemeinsame Mittagspause mit Teamkollegen zeitlich verlegen

Vielleicht gewinnst du Mitstreiter bei der Idee, die Mittagspause (zumindest an einem Arbeitstag) ausserhalb der Mittags-Stosszeiten stattfinden zu lassen. Damit ist der Stress-Faktor „Lärm“ schon einmal eliminiert. An einem meiner Arbeitsplätze habe ich dafür das gesamte Abteilungsteam gewinnen können.

4 Eine eigene Routine schaffen

Oft bieten sich im Wochenrhythmus bestimmte Tage an, um die Mittagspause alleine zu verbringen. In einer Firma, in der ich gearbeitet habe,  gab es einen „Besprechungstag“, also einen Tag, an dem alle Teilzeitmitarbeiter anwesend waren und an dem eine Vielzahl von Besprechungen stattfand. An diesem Tag habe ich mir die Mittagspause stets für mich selbst reserviert. Ich hatte eine Verabredung mit mir selbst.

5 Die Pause splitten

Mit den Kollegen zusammen in die Pause gehen, aber früher vom Tisch aufstehen, um noch 10 Minuten für sich zu haben.

Last but not least: Trotz einer transparenten Kommunikation und trotz aller Bemühungen gibt es erfahrungsgemäss Menschen, die für das Bedürfnis nach Ruhe und Alleinsein wenig Verständnis haben – insbesondere im Kontext des Arbeitslebens. Manchmal fallen dann Begriffe wie innere Einstellung oder Mindset: „Also ich habe da ja eine andere innere Einstellung, was die Pausen mit dem Team betrifft. Das ist doch die Gelegenheit alle mal zu sehen“.

Für die Harmoniebedürftigen unter den Introvertierten ist dies eine bittere Pille. Mein Zauberwort lautet in solchen Momenten „Akzeptanz“. Ich akzeptiere, dass es Menschen gibt, die gänzlich anderes als ich gestrickt sind und die mein inneres Erleben nicht nachvollziehen können.

Wie gestaltest du deine Mittagspause? Ich freue mich auf deinen Kommentar!

Bildnachweis: Barn Images

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