Ein Regentropfen kehrt ins Meer zurück

Ein Regentropfen kehrt ins Meer zurück

Ein Regentropfen kehrt ins Meer zurück

Minimalismus und Sterben

„Altern heißt, sich darüber klar zu werden, dass die eigene Lebenszeit begrenzt, dass sie zum größeren Teil schon durchlebt ist. Wie bei jedem guten Spiel sind vielleicht die letzten fünfzehn Minuten entscheidend dafür, ob ich das Spiel – hier das Spiel meines Lebens – als verloren oder gewonnen erlebe. Dieses Gefühl, dass es um die entscheidenden Inhalte meines Lebens geht, macht die späteren Jahre kostbar.“

Dies schreibt Ingrid Riedel, Jung’sche Analytikerin, promovierte Theologin und Germanistin, in ihrem Buch „Die innere Freiheit des Alterns“.

Diese Spiel-Metapher macht für mich Sinn. Ich denke dabei an ein Fußballspiel: Es kommt auf die letzten Spielminuten an. Wie ich das Spiel in der ersten Halbzeit und noch weit darüber hinaus gespielt habe, wirkt sich fraglos auf meine innere Haltung aus, mit der ich auf dem Platz stehe und agiere. Doch ganz unabhängig davon, wie das Spiel bisher verlief: entschieden wird das Spiel in den letzten Spielminuten. Manchmal geht es für mich darum, das Blatt noch zu wenden; manchmal darum, den Spielstand zu halten. Manchmal verliere ich ein Spiel, fühle mich aber dennoch nicht als Verliererin, weil ich weiß, dass ich trotz alledem ein gutes Spiel gespielt habe.

Statistisch gesehen wird der weit übermässige Anteil der Menschen, die diesen Text jetzt lesen, irgendwann im Alter von einer oder mehreren chronischen Erkrankungen heimgesucht (ALS, Parkinson, Demenz, Krebs, Insuffizienzen, …), sukzessive über Jahre hinweg zum Pflegefall und schließlich in einem Pflegeheim, Hospitz oder Krankenhaus sterben. Wer nun fast reflexmässig denkt „Bloß nicht, ich möchte bitte irgendwann einfach einen Herzinfarkt haben und schnell sterben“ hat statistisch gesehen schlechte Karten, dass dieser Wunsch sich erfüllt. Gestorben wird meist anders – eine Wahrheit, die kollektiv hervorragend verdrängt wird.

Ingrid Riedel schreibt: „Dieses Gefühl, dass es um die entscheidenden Inhalte meines Lebens geht, macht die späteren Jahre kostbar.“ Angesichts dieser erdrückenden Perspektive, die letzten 15 Minuten meiner Spielzeit als Pflegefall in einem Heim mit chronisch überlasteten Personal zu verbringen, gelten die Worte von Ingrid Riedel dann auch? Wie kann in so einer Situation das Spiel würdevoll zu Ende gespielt werden, das Blatt gar noch gewendet werden? Wie gelingt es, das kostbare Moment meines Lebens zu schöpfen?

Ich frage mich: Wie gelingt ein Fußballspiel in der letzten Viertelstunde? Ich bin keine Fußballexpertin, denke mir jedoch, dass sich in jedem Fall ein langer Atem auszahlt und die Fähigkeit, mit reduzierten Kräften zu spielen. Einen klaren Fokus behalten zu können und – wie immer auch der Spielstand aussehen mag – den Kopf nicht zu verlieren. Das sind zweifelsohne alles Fähigkeiten, die ich bereits jetzt trainieren kann und die mir und meinem Leben sofort einen Nutzen bringen, – nicht erst, wenn ich denn irgendwann mal alt und klapprig bin.

Aber ist es damit getan?

Minimalismus und Sterben

Eine Minimalistin sagte einmal, ihr Lieblings-Minimalismus-Zitat sei dieses: „Memento mori“ (Bedenke, dass du sterben musst).

Eine Freundin erwiderte wie aus der Pistole geschossen: „Ja, natürlich, Minimalismus hat viel mit Sterben zu tun“, als ich ihr von meinem Vorhaben erzählte, in der nächsten Zeit den thematischen Schwerpunkt dieses Blogs auf das Thema Sterben zu legen.

Frau Ding Dong, ein Urgestein in der Minimalismus-Szene, geht sogar soweit zu schreiben: Minimalismus heißt: sterben lernen. (Lesenswert sind auch die Kommentare zu diesem Beitrag.)

Das Loslassen von Dingen wird mit Sterben in Verbindung gebracht.

Und ich glaube, über das geübte Entrümpeln hinaus hilft die Auseinandersetzung mit dem Minimalismus bei der wesentlichsten Lernaufgabe, die das Altern und das Sterben parat stellt: einen sinnstiftenden Umgang mit Reduktion und Verlust zu finden.

Damit meine ich die Reduktion und den Verlust von …

  • Beweglichkeit und Mobilität
  • dem gewohnten Maß an Autonomie und Unabhängigkeit
  • eines gewohnten Körperbildes/Körperempfinden und der sexuellen Attraktivität
  • der gewohnten Rolle in Familie und im Freundeskreis, in Beruf und in der Gesellschaft

Schlussendlich geht es beim Sterben um den Verlust der Zukunft und dem Verlust von allen und allem, was wir in diesem Leben kannten.

Vielleicht macht dies die letzte Phase so kostbar: Gelingt es, eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit Reduktion und Verlust zu finden – aus der neue, andere innere Freiheiten entstehen? Trotz Schmerz? Trotz gravierender Veränderungen? Nicht umsonst lautet der Untertitel einer Dokumentation über eine Palliativstation: Was man alles darf, wenn man nicht mehr kann.

Wir müssen die seelischen Fähigkeiten in uns entdecken, die niemals altern“schreibt Marie de Hennezel, eine Psychologin, die sich mit den Themen Altern und Sterben auseinandersetzt. Indem ich mich auf das Wesentliche konzentriere – so wie viele Minimalisten es praktizieren? Das Bewusstsein um die eigene Endlichkeit steigert den Wert der Fähigkeiten, die das Leben ausmachen: lieben, genießen, lernen, betrachten/lauschen, erschaffen, lachen, überliefern, meditieren … Fähigkeiten, die niemals altern.

Wenn ich in mich hinein lausche, dann bin ich optimistisch, dass mein minimalistischer Lebensweg mir ein solides Rüstzeug für die letzte Viertelstunde in die Hand gibt. Er verankert die niemals alternden Fähigkeiten in einer Art und Weise in mir, die mir es hoffentlich ermöglichen, ein mein Spiel bis zum Schluß zu gut spielen.

***********************************************************************************************************************
Bildnachweis: Jay Mantri (www.jaymantri.com)
Den wunderbaren Titel habe ich von einem Buch gemopst: „Ein Regentropfen kehrt ins Meer zurück – Warum wir uns vor dem Tod nicht fürchten müssen“ von Abt Muho

Schreiben Sie einen Kommentar

Close Menu